Kontakt

Maria Volkermann
Klothmanns Kamp 38
59174 Kamen

 

 

 

 

Bitte nutzen Sie mein Kontaktformular.

Eine Kurzgeschichte

Kopfmuseum

 

Das schönste Museum befindet sich in meinem Kopf. Jederzeit abrufbar, je nach Stimmung und Verfassung, verwahre ich die Schätze meiner Erinnerung. In den Jahrzehnten meines Lebens hat sich dort ein gewaltiges Sammelsurium von Menschen, Orten und Gegenständen eingefunden, und ich erwarte immer noch weitere Exponate. Gewiss, sie sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, wenn ich sie verschlossen halte, aber ich habe die Möglichkeit, davon zu erzählen:

 

Ich lebe in Kamen, einer Kleinstadt im westlichen Westfalen, die nicht nur das berühmte Autobahnkreuz zu bieten hat. Überall gibt es hier Relikte aus einer Zeit, als der Bergbau in seiner großen Blüte stand. Der alte Zechen-Turm ist weithin sichtbar, Symbol für harte Arbeit, Energienachschub und Männer mit schwarzen Gesichtern. In der großen Zeit des Bergbaus fanden 4000 Menschen bei der Zeche Monopol Arbeit. 1983, genau 110 Jahre nach der Gründung, schloss der Betrieb für immer. Als ich meiner damals 4-jährigen Enkeltochter vor einigen Jahren im Januar den Turm zeigte und ihr dabei erklärte, dass dort einmal Kohle gefördert wurde, da antwortete sie altklug: „Ist doch klar Oma, im Winter wird doch nicht gegrillt!” Die Kleine hatte sich nie an einem Kohlenofen wärmen müssen. Ich ergriff die Gelegenheit, dem Kind die Welt der Steinkohleförderung näher zu bringen und fuhr zunächst zu dem lebensgroßen Kunstwerk “Bergmannsleben” von Professor Lothar Kampmann.

 

Vor einer roten Klinkermauer eines angedeuteten Hauses sitzt ein altes Paar vertraut auf einer Bank beisammen, die Rücken von schwerer Arbeit gebeugt. Eine junge Frau schaut ihrem Mann nach, dabei hat sie schützend beide Hände auf den Kopf ihres Kindes gelegt, das sich scheu an ihren Rock schmiegt. Der Mann dreht sich auf dem Weg zu seiner gefährlichen Arbeit noch einmal um und winkt zum Abschied. Gleichzeitig unterbricht die Ziege auf der Wiese ihre Nahrungsaufnahme und schaut hoch.

Ich mag diese bronzene Skulpturengruppe sehr und glaube, meine Enkeltochter hat sie auch ins Herz geschlossen, denn sie sagte: „Das kleine Mädchen sieht aus wie ich, Oma.“

Weiter ging es mit meiner kleinen Lektion in Sachen Heimatkunde. Ich nahm den Weg in die Bergarbeitersiedlung. Die roten Backstein-Reihenhäuser stehen hier seit 1888 und waren für die zugezogenen schlesischen Bergleute und ihre Familien erbaut worden. Ich stellte mir vor, wie Frauen in bunten Schürzen auf der Treppe ein Schwätzchen mit der Nachbarin halten und dabei ihre spielenden Kinder im Auge haben. Heute ist es hier ruhig und gepflegt, spielende Kinder sind nirgends zu sehen. „Zu den Häusern gehörten früher auch Schuppen und Ställe für Ziegen und Schweine“, erklärte ich meiner Enkeltochter, „und in den großen Gärten wurde Obst und Gemüse für das ganze Jahr angebaut.”

In einer Ecke stand eine alte Kohlenlore mit der Aufschrift “Glück auf”. „Ist die von einem Zug?”, fragte das Mädchen. „Ja, von einem Zug, der tief unten in der Erde die Kohle transportierte.”

 

Meine eigene Heimatkunde gestaltete sich vor mehr als einem halben Jahrhundert ganz anders, denn mein Geburtsort liegt hoch oben im Norden der Republik. Die Eltern fuhren mit uns Kindern ins Schleswig-Holsteinische Landesmuseum Schloss Gottorf, wo wir uns fasziniert die Moorleichen aus Wikingerzeiten anschauten.

Mir war dabei etwas gruselig zumute, aber ich zeigte es tapfer nicht.

Als unbedingtes Muss galt auch der Besuch des Marine-Ehrenmals in Laboe bei Kiel. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit Eltern und Geschwistern in das U-Boot kletterte und die Enge mich ängstigte. Nie wieder habe ich eine so winzige Küche gesehen wie in dem alten U-Boot.

Der Liebe wegen zog ich nach Nordrhein-Westfalen. Mein Mann hatte ganz andere Heimatkundeerinnerungen, die er mir auch stolz vermittelte. „Wir waren mit der Schulklasse am Hermannsdenkmal und bei den Externsteinen, am Schiffshebewerk Henrichenburg und an der Möhnetalsperre.” Nach und nach suchten wir gemeinsam diese Stätten auf, und ich speicherte auch diese Sehenswürdigkeiten in meinem internen Museum ab.

 

Die großen Monumentalbauten der Kunst besuchte ich meistens mit meiner Freundin Annegret. Unser Kunstverständnis bestand weniger aus Sachverstand, sondern eher aus Interesse an großen Malern und ihren Schöpfungen. Außerdem wollten wir uns bilden und das Großartige gemeinsam erleben.

Im Sommer 2012 erkrankte meine Freundin schwer.

Sie durchlitt Strahlen- und Chemotherapie und wurde mehrfach an einem grausamen Tumor operiert. Ich war sooft wie möglich an ihrer Seite, litt mit ihr und bewunderte ihre Tapferkeit. Im Januar 2013 hatte sie gerade keine Therapie und rief mich an einem Samstag an:

„Hast du Lust, morgen mit mir ins Folkwang-Museum zu fahren? Ich möchte so gerne die Ausstellung “Farbenrausch“ sehen.” Eigentlich hatte ich gar keine Lust bei ungemütlichem Winterwetter sonntags nach Essen zu fahren, aber ich konnte meiner Freundin diesen Wunsch nicht abschlagen.

Vor dem Eingang des Museums hatte sich eine lange Schlange gebildet und es ging nur schleppend voran. Ich machte mir schon Sorgen, ob das ganze Unternehmen nicht zu anstrengend für Annegret würde, aber sie schien keine Probleme zu haben. Als wir endlich die Ausstellungsräume erreicht hatten, waren wir tief beeindruckt von den Exponaten. Da hatten die Expressionisten wie Pechstein, Matisse, Kirchner, Munch und andere wahrhaftig einen Farbenrausch hinterlassen, und wir standen überwältigt davor.

Es wurde unser letzter gemeinsamer Ausflug, denn einige Wochen später musste Annegret wieder zu einer Operation ins Krankenhaus, von der sie sich nicht mehr erholte. Sie starb an einem sonnigen Frühlingstag, als die Natur gerade ihren schönsten Farbenrausch aufbot. Nie wieder werde ich ein Museum betreten, ohne an meine Freundin zu denken. Sie fehlt mir sehr, aber ich bin dankbar für die schönen Erinnerungen.

 

Wenn ich zwischendurch mal eine kleine Auszeit brauche, um meinen Gedanken nachzuhängen, dann gehe ich an unserem renaturierten Flüsschen spazieren. Vor Jahren war die “Seseke“ ein begradigter, in Betonplatten gepferchter Kloakenfluss. Nun mäandert er - befreit von Abwasser und Beton - in sanften Biegungen durch die Natur und unsere Stadt. Man kann Fischreiher und Enteneltern mit ihren Küken beobachten, und auch ein Eisvogel wurde schon gesehen. Die alten Weiden lassen ihre langen dünnen Zweige ins klare Wasser hängen und spiegeln ihre Schönheit. Die Kinder ziehen sich im Sommer Schuhe und Strümpfe aus, waten von Stein zu Stein und entdecken immer wieder etwas Neues, so wie ich auch.

Junge Künstler ließen sich von dem wiedergeborenen Fluss inspirieren und schufen sehr unterschiedliche Kunstwerke, die Ufer und Landschaft bereichern. Bereichert wurde auch das Kommunikationsverhalten der Bevölkerung, denn über die neuen Kunstwerke diskutierte man ungewöhnlich heftig. Unterschiedlichste Meinungen über Sinn und Zweck der Installationen prallten aufeinander, schufen erhitzte Gemüter und füllten die Lokalseiten unserer Zeitung. Aber gerade das ist es doch, was Kunst bewirken sollte!

Einer dieser Installationen am Fluss gaben die Künstler den sonderbaren Titel: “Here comes the rain again.” Es handelt sich dabei um drei kleine weiße Häuser unterschiedlichster Bauart, die direkt am Ufer platziert sind. Landhaus, Bungalow und ein futuristischer Flachbau präsentieren sich als modernes Liliput; und ich kann mich davor wie Gulliver fühlen.

 

 

Ich setzte mich ins Gras der Uferböschung, um das Kunstwerk auf mich wirken zu lassen. Auf einmal begann in meinem Kopfmuseum eine Melodie zu spielen.

Leise sang ich mit: “Here comes the rain again, falling on my head like a memory, falling on my head like a new emotion.” „Das ist doch der Eurythmics-Hit aus den Achtzigern”, wurde mir bewusst. Jetzt konnte ich eine eigene kleine Interpretation wagen: Der Regen kommt zurück und speist mit seinen Tropfen den befreiten Fluss. Er netzt den Boden, spült Dreck und Unrat fort und bringt Segen für fruchtbares Gedeihen. Die Sorgen und Nöte werden weggeschwemmt, Gedanken geraten in positives Fließen und lassen neue Sichtweisen zu.

 

Ein gutes Gefühl der Ruhe und Entspannung machte sich in mir breit und erfüllte mich mit Dankbarkeit. Erinnerungen tropften in mein Bewusstsein und lösten bewegende Bilder aus. Ich tauchte ab in meine Museumswelt.

 

E N D E

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Maria Volkermann 2015