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Maria Volkermann
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Das Ende von Gravidita – Ein Märchen

 

Es war einmal in dem Land zwischen den Meeren, da lebte ein junges Ehepaar mit seiner kleinen Tochter Marianne glücklich und zufrieden auf einem Bauernhof. Sie melkten ihre Kühe und bestellten den Acker mit vielerlei Feldfrüchten. An ihrer kleinen Tochter hatten sie eine große Freude und waren dankbar für das Geschenk des Himmels.  Für Heinrich und Mechthild war es damals viel einfacher gegenüber heute, Eltern zu werden. Sie brauchten keine gemeinsamen körperlichen Anstrengungen verrichten, und die Frauen quälten sich keine 9 Monate mit einem dicken Bauch und Schwangerschaftsbeschwerden ab. Eine schwere Entbindung mussten sie nicht  fürchten. Alles ging viel einfacher vonstatten: Die Paare gaben einfach eine Bestellung an den ehrwürdigen Patron Uterian auf und die Lieferung erfolgte, je nach Auftragslage, früher oder später. Manchmal gab es Auslieferungsengpässe, besonders bei kleinen Buben, aber Geduld wurde immer belohnt.

 

Hoch oben über den mächtigsten Wolken  lag das bezaubernde Reich Gravidita. Hier schien die Sonne aus einem azurblauen Himmel auf eine  romantische Teichanlage, die über und über mit Seerosenpflanzen bedeckt war.  Störche spazierten umher,  auch Adebars genannt, Frösche quakten in verschiedenen Tonlagen, allerlei Getier summte schwebend in der Luft und über all dem lag ein betörender Blütenduft. Liebliche elfengleiche Wesen mit einer Fischflosse als Unterleib und zarten durchsichtigen Flügeln wie bei den Libellen umplanschten oder umschwirrten die Seerosen.  Sie schauten aufmerksam in die rosa und blauen Seerosenknospen, schnitten die abgeernteten Blüten ab, tauchten unter und wieder auf und kommunizierten untereinander in einem hellen Singsang.

Dieses Gewusel organisierte  Herr Uterian solange er denken konnte. Er hatte das Management dieser Anlage unter sich, überwachte die Arbeit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,  nahm Bestellungen entgegen und plante die pünktliche  Auslieferung. Selten hatte es Beanstandungen gegeben, nur einmal hatte ein Ehepaar gemeckert, weil es gleich 5 Jungen auf einmal bekommen hatte. Was sollte er da machen, sie waren in nur einer Rose gereift! Patron Uterian war ein gütiger Arbeitgeber, er sorgte für Ruhezeiten bei den Rosenpflegerinnen, und er schickte seine Störche regelmäßig nach Afrika in den verdienten Urlaub. Er selber dachte nicht an den Ruhestand, es stand noch kein Nachfolger auf dem Plan.

 

Mechthild hatte sich gedanklich schon seit längerem mit der Planung von weiterem Nachwuchs beschäftigt. Beim Abendbrot schnitt sie das Thema an: „Du Heinrich, wäre es nicht langsam an der Zeit, ein nächstes Kind zu bestellen? Marianne ist schon 3 Jahre alt und aus dem Gröbsten heraus, außerdem langweilt sie sich als Einzelkind. Kälbchen und Kätzchen sind keine Spielgefährten auf Dauer.“  Heinrich kaute seinen Mund leer, dann antwortete er besonnen: „Du hast Recht, aber diesmal möchte ich einen Stammhalter haben, einen Sohn, der meinen Namen weiter trägt. Er hilft  später auf dem Hof und kostet uns keine teure Aussteuer.” Mechthild war einverstanden, aber Marianne, die die Unterhaltung ihrer Eltern aufmerksam verfolgt hatte, sagte trotzig:  „Anni will keinen Bruder haben!”

Am Tag darauf stellte Heinrich seine Leiter ans Haus und montierte auf dem First des Strohdaches ein hölzernes Wagenrad . Mechthild sammelte Birkenreiser und reichte sie ihrem Mann an, der damit das Rad nestförmig auspolsterte. Dann suchte die junge Frau ein blütenweißes Leinentuch aus der Wäschetruhe heraus, in das sie einen Brief mit folgendem Inhalt legte: Sehr geehrter Herr Uterian, hiermit bestellen wir einen kleinen Jungen. Wenn möglich sollte er schwarze Haare haben und ein ruhiges Naturell, denn Marianne ist manchmal etwas zu lebhaft und vorlaut. Wenn die Lieferung im nächsten Spätsommer erfolgen könnte, dann wären wir froh, denn um diese Zeit haben wir die Ernte bestimmt schon eingefahren.  Mit der Bitte um ein Zeichen als Auftragsbestätigung bedanken wir uns jetzt schon auf das Herzlichste, Heinrich und Mechthild. Der junge Vater legte das Leintuch, zusammen mit einigen Leckerbissen für den Storch, in das frisch präparierte Nest. Kurze Zeit später war das weiße Tuch verschwunden und nun warteten die Eheleute nervös auf eine Auftragsbestätigung. Eines morgens, Heinrich und Mechthild saßen gerade beim Melken, da hörten sie ein Rauschen und Klappern über dem Stall. Mechthild rannte nach draußen und sah, wie ein kräftiger Adebar auf dem Dach landete. „Heinrich, komm schnell, ein Storch“, rief sie laut. Heinrich ließ das Euter von Alma los, diese machte vor Schreck einen  Satz nach vorn und stieß dabei den halbvollen Milcheimer um. Der junge Bauer kümmerte sich nicht darum und lief zu seiner Frau auf den Hofplatz. Beide schauten aufgeregt  aufs Dach. Der Adebar reckte seinen Hals, legte den Kopf in den Nacken und streckte seinen langen Schnabel gen Himmel: „Klapp, klapp, Knabe klapp, klapp, klappt, Knabe klapp, klapp, klappt”, ließ er verlauten. Dann erhob er sich in die Lüfte, flog noch eine Ehrenrunde über dem Gehöft und drehte dann Richtung Süden ab. Heinrich und Mechthild sahen ihm noch lange Arm in Arm nach, sie waren glücklich über diese Auftragsbestätigung. 

Adebar Anatol linste noch einmal nach hinten und dachte: Komisch, diese Menschlinge, immer Sonderwünsche und so bürokratisch! Jetzt aber schnell nach Afrika, die anderen warten schon  und die Menschlinge  dort sind auch lockerer.

 

In Gravidita ging inzwischen alles seinen ruhigen Gang. Patron Uterian hielt ein Nickerchen im Gras, seine Elfennixen planschten zwischen den Seerosen herum und die Dienst habenden Störche vertrieben sich die Zeit bis zur nächsten Auslieferung mit Frosch- Memory. Da durchbrach plötzlich ein Furcht erregender Lärm die Stille. Ein Donnern und Dröhnen, das immer lauter wurde, dann verdunkelte schwarzer Rauch die Idylle. Gleichzeitig fegte ein Sturm über den Seerosenteich und brachte das Wasser in gefährliche  Bewegungen. Die Nixen tauchten unter, die Störche legten sich platt auf den Boden und Herr Uterian hielt sich die Ohren zu und suchte Schutz unter einer  Trauerweide. So schnell wie er gekommen war, so schnell war der Spuk auch wieder vorbei. Der Lärm schwoll ab, der Rauch verflüchtigte sich langsam, aber das ganze Ausmaß des Schadens bot sich dar: Eine Katastrophe im Seerosenteich! Gekenterte Blüten, abgerissene Blätter, Wurzeln, die ihren Halt verloren hatten.  „Was war das denn?”, fragte der alte Patron seine Rosenpflegerinnen, die nach und nach wieder auftauchten. Aber die schüttelten nur fassungslos die hübschen  Köpfchen, dann sahen sie sich im Teich um und retteten, was zu retten war.  Sie drehten die umgekippten Seerosenblüten um und schauten nach, ob noch Leben darin war. Das Ergebnis war niederschmetternd, fast die gesamte Aufzucht war verloren. Die Elfennixen schwammen  ans Ufer und schilderten weinend und klagend ihrem Chef die ausweglose Lage. Herr Uterian fasste sich ans Herz, Tränen rannen über sein runzeliges Gesicht, er war am Ende seiner Kraft. 

Elfchen Sina war noch im Teich beschäftigt. Sie fischte mit ihren  Händen einen Haufen Blätter zusammen, die in eine Ecke getrieben worden waren. Da entdeckte sie zwischen dem Grün ein winziges Bübchen. Es lag ganz still auf einem Seerosenblatt und umklammerte mit seinen kleinen Fäusten den Stiel der Pflanze. 

Wie glücklich Sina da war! Behutsam brachte sie den Kleinen an Land. Er war unversehrt und wunderhübsch. Dichte schwarze Haare klebten feucht an seinem Köpfchen und mit seinen blaugrünen Augen schaute er aufmerksam in die Welt. Alle Bewohner von Gravidita eilten hinzu, um das gerettete Kind zu bestaunen. Patron Uterian erschien es wie ein Wunder und er sprach: „Dieses Bübchen ist ein zäher kleiner Kerl; er hat schon gezeigt, dass er zupacken kann. Außerdem verhielt er sich im richtigen Moment ruhig . Ich denke, wir sollten ihn zu Heinrich und Mechthild schicken.”

Adebar Adrian übernahm die Aufgabe der Logistik. Er wickelte den Knaben in das Leintuch, nahm die Zipfel in den Schnabel und flog zum Land zwischen den Meeren. Die überglücklichen Eltern nahmen das Wunschkind im Storchennest im Empfang. Es spielte keine Rolle, dass die Ernte noch gar nicht begonnen hatte.

 

Im Reich Gravidita gab es keine Ruhe mehr. Die Menschen schickten immer mehr Düsenflugzeuge und Raketen in den Himmel und zerstörten dadurch das Ökosystem über den mächtigsten Wolken. Der Seerosenteich verschlammte und kippte um, Patron Uterian ging in den Ruhestand nach Katmandu, aber vorher brachte er seine Gehilfinnen in den Masuren unter. Die Adebars zogen zuerst nach Afrika. Weil sie aber keine sinnvolle Aufgabe mehr hatten, erkrankten einige an Schwermut und starben.  Störche auf dem Dach sind selten geworden.

Die jungen Menschenpaare mussten sich nun körperlich anstrengen und üben, Kinder zu bekommen. Doch aus der  Not wurde allmählich eine Tugend. Die gesamte Menschheit fand Gefallen daran, den Nachwuchs selber zu zeugen. Das ist bis heute so geblieben, und unseren Kindern und Enkeln können wir nur durch Überlieferung die Geschichte vom Klapperstorch und dem  märchenhaften Land Gravidita erzählen.

 


Maria Volkermann

 

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